Forum 2: Lifelogging und Selftracking

Prof. Dr. Stefan Selke; Bild: Sascha Schmidt

Selftracking hat laut Prof. Dr. Selke viele Gesichter: Wir vermessen unsere Gesundheit aus kurativen oder auch präventiven Gründen mit Hilfe von Armbändern oder Apps, die unter anderem unsere Schritte zählen und unseren Schlaf überwachen. Im Beruf werden wir anhand von Zeiterfassungssoftware getrackt, um An- und Abwesenheitszeiten zu überwachen und unsere Leistung zu messen, oder wir lassen unseren jeweiligen Aufenthaltsort aus den unterschiedlichsten Gründen freiwillig tracken. In Bus, Bahn und mittlerweile auch in vielen Städten stehen wir unter permanenter Überwachung durch Kameras, oder wir verschaffen uns schonmal präventiv ein Alibi für den Fall, dass wir eins benötigen. Schließlich gibt es noch die Gruppe von Menschen, die jeden Schritt ihres Lebens digital festhalten, um es für die Nachwelt zu erhalten. In all diesen Fällen und noch vielen mehr werden wir von Daten beherrscht. Doch wieso legen wir so großen Wert darauf, alles zu quantifizieren? Und wie wirkt sich das auf uns, unser Leben und die Gesellschaft aus?

 

Die Sehnsucht nach der Quantifizierung kannte schon Sokrates. Bereits damals ging es um die Nützlichkeit einer Person und ihren Wert für die Gesellschaft. Dies ist vermutlich auch der Grund, weshalb sogar Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel genaue Listen über seine Aktivitäten führt. Doch die Quantifizierung kann auch dazu führen, dass die Gesellschaft sich verändert: So hat die Zeit nach der Erfindung der Uhr als erste soziale Institution neue Normen wie Pünktlichkeit und Leistung, und ultimativ auch den Wert des Menschen in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung definiert. Der Mensch sieht sich sozusagen als Mangelwesen, welchem ein (unbekannter) Algorithmus auf dem Weg zu seinem optimierten Selbst verhilft (siehe z.B. die Quantified-Self-Bewegung). Der Zweck dieser Vermessung von Schritten, Kalorien oder auch Intelligenz treibt jedoch durch den impliziten sozialen Vergleich einen Keil in die Gesellschaft, die sich vom humanistischen Gemeinschaftsideal hin zum algorithmischen Unterschiedsgedanken entwickelt hat. Man könnte fast sagen, dass Effizienz immer mehr mit Menschenwürde gleichgesetzt wird, dass aber im Endeffekt dem Individuum die Schuld zugeschoben wird, wenn es nicht effizient genug ist, um im sozialen Vergleich mitzuhalten. Der Lebenskontext, die Arbeitsbedingungen und qualitative Gesichtspunkte werden zugunsten eines rein messbaren „Wertes“ ausgeblendet. Dabei ist es zweitrangig, ob wir von Datenwerten, wirtschaftlichen Werten oder ethischen Werten sprechen.

Lifelogging und Selftracking verändern die Realität

Susanne Patzelt; Bild: Sascha Schmidt

Doch wieso reduzieren wir uns auf reine Zahlenwerte? Weshalb reduzieren wir unsere Weltsicht freiwillig? Und welchen Preis zahlen wir dafür?

 

Vermutlich liegt unser Wunsch nach eindeutig messbaren Werten darin begründet, dass sie uns helfen, uns in einer immer komplexer werdenden Welt zu orientieren, unseren Platz darin zu finden und somit unsere Identität zu festigen. Der Weg zur Selbstoptimierung ist jedoch gepflastert von Normen, die wir akzeptieren ohne sie zu hinterfragen: Wer legt fest, dass wir pro Tag 10.000 Schritte gehen müssen, um gesund zu bleiben? Wieso sind wir im Extremfall dazu bereit, nicht nur unseren Wert von einer bestimmten Zahl abhängig zu machen, sondern uns eventuell sogar von diesen willkürlichen Normen so abhängig zu machen, dass wir uns unsere Entscheidungen von einem Armband diktieren lassen und vielleicht doch noch 1.000 Schritte gehen, obwohl wir bereits müde sind oder lieber doch kein Eis mehr essen, weil wir unsere täglich empfohlene Kalorienzufuhr bereits erreicht haben?

 

Spätestens hier wird klar, dass Lifelogging und Selftracking nicht nur Werkzeuge sind, sondern Medien, die die Realität verändern. Technik ist somit keine neutrale Entität, die wir benutzen, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Vielmehr gestalten wir unsere Realität in Abhängigkeit von diesen Medien. Der Preis, den wir dafür bezahlen, kann sehr hoch sein: Wir können zum Beispiel jegliche Qualitäten, die wir besitzen, aus den Augen verlieren und unseren Wert von reinen Zahlenwerten abhängig machen. Oder wir geben eine Unmenge an Daten an Konzerne wie Facebook und Google im Austausch gegen diese für uns so wichtigen Werte. Im äußersten Fall könnte dies auf lange Sicht dazu führen, dass man sich selbst Probleme schafft, die man eigentlich gar nicht hat, nur weil man sich weiter optimieren möchte. Schließlich könnte es auch aufgrund der Reduktion des Menschen auf Zahlenwerte zu einer kompletten Entmenschlichung des Individuums kommen.

 

Doch sollen wir nun aufgrund dieser Angst vor einer radikalen Entmenschlichung des Individuums unsere Gesundheitstracker und Smartwatches wegwerfen und zurückkehren in die Realität, in der menschliche Qualitäten über reinen Zahlenwerten stehen? Die Antwort auf diese Frage ist ein ganz klares Nein, denn das können wir gar nicht mehr: Genauso wenig wie wir dem Zeitregime entkommen können, welchem wir seit der Erfindung der Uhr untergeordnet sind, können wir uns auch dem Datenregime in einer immer digitaler werdenden Welt nicht mehr entziehen. Es wäre auch falsch, jegliches Selftracking oder Lifelogging aus einer eurozentrischen und auf Datenschutz fixierten Weltanschauung heraus zu verteufeln, aus Angst davor, dass unsere Krankenkassenbeiträge in Zukunft von den Daten aus unseren Gesundheitstrackern beeinflusst werden. Denn Transparenz kann durchaus auch zum Schutz dienen, so zum Beispiel wenn Frauen in Indien sich dadurch sicherer fühlen, wenn sie alleine nach Hause gehen, oder wenn Entführungen in Mexiko verhindert werden können durch die Offenlegung des eigenen Aufenthaltsorts. Vielmehr sollten wir lernen, die Potenziale dieser Daten zu nutzen, jedoch gleichzeitig skeptisch zu bleiben und neue Normen hinterfragen. Und auch die große Frage nach dem Datenschutz, die immer häufiger in der Presse und auch in der Bildung thematisiert wird, ist ein zweischneidiges Schwert: denn wenn wir als mündige Menschen gelten, wieso sollte man uns vor dem schützen (müssen), was wir wollen und was uns das Gefühl gibt, einen Platz in der Welt zu haben?

 

Der Film „Malu“ zeichnet ein weitaus positiveres Bild davon, wohin der Trend zum Lifelogging führen könnte.

Die Angst vor dem gläsernen Menschen ist ein Wohlstandsproblem

Letztendlich ist die Digitalisierung laut Prof. Selke ein Spiel, das auch Verlierer hat: die Menschen, die keine Zugang zu ihr haben, sei es aufgrund von körperlichen Behinderungen, Armut oder mangelnder Infrastruktur. Diese Menschen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren, denn die Angst vor dem gläsernen Menschen ist vor allem ein Wohlstandsproblem gesunder, reicher Menschen.

 

Und wie kann man ein gesellschaftlich so aktuelles und wichtiges Thema mit Jugendlichen behandeln? Wieso sollte man dies überhaupt?

 

Das Thema Lifelogging lässt sich von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten: Vom gesellschaftlichen Standpunkt aus sollten Jugendliche sich darüber Gedanken machen, inwiefern Tracking-Apps und -Armbänder sie beeinflussen und vielleicht manipulieren. Auch sollten ihnen Konzepte wie Big Data, Datenschutz und diverse gesellschaftlich-politische Debatten rund um diese Themen ein Begriff sein. In puncto Medienkompetenz sollten sie daher lernen, vernünftig mit persönlichen Daten umzugehen und Methoden erarbeiten, wie sie sich selbst schützen können. Schließlich können (freiwillige) Vereinbarungen zur Umsetzung dieser Methoden getroffen werden oder auch eine Zukunftswerkstatt veranstaltet werden, bei der es darum geht, wie die positiven Aspekte von Big Data genutzt werden können, ohne dass einem die eigene Privatsphäre entgleitet.

Materialien für die Praxis

Schließlich wurden einige interessante Materialien präsentiert, die Lehrkräften und Medienpädagoginnen und -pädagogen bei ihrer Arbeit unterstützen können.

 

Diese Video eignet sich zur Erklärung des Begriffs Big Data:

  • Life Profiler, ein Rollenspiel von der Bundeszentrale für politische Bildung
  • Digitale Ethik, meine Verantwortung im Netz, eine Unterrichtseinheit rund um das Thema Digitale Ethik

 

Prof. Dr. Stefan Selke unterrichtet und forscht an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Furtwangen. Susanne Patzelt ist Autorin und Journalistin und lebt in Köln.