Die Schreibblockade

Was tun, wenn die Muse eine/n nicht küsst? Kein Problem! Hier finden Sie Tipps und Tricks gegen die Schreibblockade. Gert Ueding, von 1988 bis 2009 Lehrstuhlinhaber am Seminar für Allgemeine Rhetorik in Tübingen, gibt einige ganz praktische Hinweise, wie Schreibhemmungen idealerweise zu umgehen sind und rät:

Schreibe viel!

Viel schreiben, jeden Anlass nutzen, möglicherweise Anlässe selber schaffen (Tagebuch, Korrespondenz), dabei aber immer kontrolliert schreiben, nicht einfach so, wie der Schnabel gewachsen ist – das kommt sonst bloß so krumm und verbogen heraus, wie es unsere Schnäbel zumeist sind, nämlich durch eine schludrige öffentliche Sprache und individuelle Unarten geprägt.

Schreibe konzentriert!

Konzentriert schreiben, Störfaktoren ausschalten, ob sie nun akustischer oder visueller Natur sind, auch die Anforderungen des Alltags entweder vorher bewältigen oder für die Schreibzeit bewusst suspendieren (Einkaufen, Aufräumen und dergleichen).

Vertiefe dein Wissen!

Ungenaue oder zu schmale Kenntnis des Gegenstands, über den man schreiben will, ist immer noch die häufigste Ursache von Schreibhemmungen. Je breiter und tiefer das Wissen, je größer die Fülle der Gedanken, um so größer die Chance für einen ungestörten Arbeitsprozess und ein erfolgreiches Produkt: eine Einsicht, auf der die rhetorische Topik basiert, die jedem Autor zu einem Reichtum verhelfen kann.

Schule dich an Vorbildern!

Dazu gehört auch ein möglichst zwangloser Umgang mit der Tradition, und das heißt mit Autoritätsfiguren des eigenen Metiers. Die Rhetorik hat seit der Antike den engen Zusammenhang von Lese- und Schreibübungen betont (lectio und scribendo) und in der Nachahmung der Muster (imitatio) einen der wichtigsten Übungszwecke gesehen. Das bedeutet einen durchaus instrumentellen Umgang mit den musterhaften, also klassischen Autoren, der von Respektlosigkeit und Einschüchterung gleich weit entfernt ist. Den Meistern durch Nachahmung die Regeln des Handwerks zu entlocken (wozu auch die grammatischen, stilistischen und kompositorischen gehören), ist die erklärte Absicht und auch heute noch das beste Mittel, es zu eigener Meisterschaft zu bringen.

Plane und ordne!

Ebenso wichtig wie die Fülle der Kenntnisse ist ihre Verfügbarkeit, die durch gute Planung und Ordnung gewährleistet ist – ob dies nun mit Hilfe eines guten Karteikartensystems, einer PC-Datei oder von Stichwortlisten geschieht. Auch die wohlgeordnete eigene Bibliothek, in der man sich auskennt wie in keiner Seminar- oder Universitätsbibliothek, ist immer noch unersetzbarer Vorteil jeder Schreibarbeit. Die Disposition des Stoffes [...] kommt bei der Bewältigung des immer problematischen Schreibbeginns eine große Rolle zu. Darüber hinaus gehört sie zu den wichtigsten Techniken jedes Berufsschriftstellers, ob es sich um einen Journalisten, Sachbuchautor oder Redenschreiber handelt.

Vergewissere dich deines Publikums!

Ebenso wie über den Stoff sollte man sich über den oder die Adressaten der eigenen Rede oder Schrift klar sein und sich auf jeden Fall ein Gegenüber schaffen, mit dem man durch das Schreiben kommunizieren will. Wichtig dabei ist, sich nun aber nicht ständig durch die Vorstellung des Publikums kontrolliert zu fühlen (die Gefahr ist groß), sondern sich ganz auf die Mittel zur Überzeugung (oder Unterhaltung und ästhetischen Überzeugung) zu konzentrieren und die reale zukünftige Rezeptionssituation vorläufig zu vernachlässigen. Wie ein Publikum das schriftstellerische Produkt auffasst, ist sowieso durch einen Autor nur in sehr geringem Maße vorauszusehen und von Bedingungen abhängig, die nicht in seiner Gewalt sind.

Krisen und Blockaden und wie du sie meistern kannst

In den meisten Fällen von Schreibblockaden setzt die Korrektur der Anfangsschritte viel zu früh ein. Verbesserungen sollten während des Schreibprozesses zunächst nie anders denn als Spontankorrekturen (zum Beispiel der plötzliche Einfall eines treffenderen Ausdrucks für einen gerade geschriebenen Satz) durchgeführt werden, aber nicht darüber hinausgehen, auch wenn man sich über die offensichtlichen Mängel und einen selber beschämenden Unzulänglichkeiten völlig im klaren ist. Man schreibe weiter, stelle eine zusammenhängende erste Fassung her, die durch eine zweite oder dritte Fassung dann durchgängig korrigiert wird, wobei in der Regel ganze Passagen neu geschrieben, weitere verbessert, andere übernommen werden.

 

Stellt die Unzufriedenheit über die Anfangssätze ein schwer zu überwindendes Hemmnis für die Fortarbeit dar, versuche man es mit einem ganz neuen Blatt und damit einem auch optisch deutlichen völligen Neubeginn des Prozesses: Die verworfenen Anfänge mancher Texte bedecken oft viele Blatt Papier, doch sollte man dergleichen Verschwendung nicht scheuen.

 

Wie überhaupt das Schreibwerkzeug ganz den individuellen Gewohnheiten angepasst bleiben und man mit Umstellungen auf neue Technologien (PC) vorsichtig sein sollte. Je professioneller das Schreibhandwerk betrieben wird, um so leichter fallen freilich auch solche Umstellungen. Die handschriftliche Phase im Produktionsprozess bietet gegenüber allen anderen Techniken unüberbietbare Vorteile:

 

Sie erlaubt den direkten sinnlichen Umgang mit dem Text, Korrekturen und Streichungen bleiben sinnlich wahrnehmbar, die verschiedenen Schichten eines Textes werden nicht durch die letzte verdeckt, und die gegenüber dem Stift größere Störanfälligkeit des Apparates und seine Eigenheiten kommen nicht zu den sowieso vorhandenen Ablenkungen und Hemmnissen hinzu. [1]

Quellen

[1] Alle Zitate: Gert Ueding: Rhetorik des Schreibens. 4. Auflage. Weinheim 1996, S. 20-23. [zurück]

Handouts

Fragen zum Schreibbeginn

Tipps zum Schreibbeginn

Links

Diversitätsorientiertes Schreibzentrum

Am Schreibzentrum der Universität Tübingen kann die akademische Schreibkompetenz an der Universität Tübingen gestärkt werden.

 

Ängste und Blockaden beim Schreiben wissenschaftlicher Texte

Die Studienberatung und Psychologische Beratung der Freien Universität Berlin bietet gezielt Hilfe gegen Schreibprobleme.

 

Center for Academic Writing (CAW)

Das Centre for Academic Writing (CAW) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) beschäftigt sich mit professioneller Textkommunikation und den Bedingungen der Textherstellung in Wissenschaft und Beruf.

 

Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten

Die Lange Nacht der aufgeschobenen Hausarbeiten ist dem gemeinsamen Schreiben fernab von einsamen Schreibtischen gewidmet: Weltweit öffnen Schreibzentren eine Nacht lang ihre Türen und laden Studierende in produktiver und motivierender Atmosphäre ein, ihre Schreibprojekte zu beginnen, weiterzuschreiben oder zu beenden – inklusive Schreibberatung.