MediaCulture-Online Blog

26.05.2014 | Jiří Hönes

Planspiel: den Weltkrieg verhindern – Eindrücke vom Fachtag Geschichte

Thomas Teuscher; Bild: Jiří Hönes / LMZ

Musste die Julikrise 1914 zwangsläufig in einen militärischen Konflikt führen? Hätte es einen Weg gegeben, die Katastrophe zu verhindern? Wie hätten wir uns anstelle der politischen Akteure damals verhalten? Oberstudienrat Thomas Teuscher von der Technischen Oberschule Stuttgart hat ein Planspiel zur Julikrise entwickelt, das er bereits mehrfach mit Schülerinnen und Schülern im Alter zwischen 16 und 24 Jahren durchgeführt hat. Zielsetzung: die friedliche Lösung des Konflikts.

 

Dieses Spiel hat Teuscher beim Fachtag Geschichte  vorgestellt, die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer versuchten sich im Workshop an einer Proberunde.

 

Ausgehend von den historischen Gegebenheiten Ende Juni 1914 und dem Attentat von Sarajewo nehmen die Schülerinnen und Schüler in Gruppen die Rollen verschiedener Staaten ein: Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Frankreich, Großbritannien, Russland, Serbien, Italien. Eine weitere Gruppe übernimmt die Rolle der internationalen Presse. Innerhalb der Ländergruppen gibt es unterschiedliche Rollen: Staatsoberhaupt, Außenminister, Verteidigungsminister und Wirtschaftsminister.

 

Zur Vorbereitung des Planspiels erhalten die Schülerinnen und Schüler ein Dossier mit Quellen, Statistiken und Kartenmaterial zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Lage der einzelnen Länder sowie zur Julikrise an sich. Diese Materialien müssen vor Spielbeginn durchgearbeitet werden, was in der Regel im Unterricht in den Wochen vorher stattfindet.

 

Das eigentliche Spiel dauert mehrere Stunden und findet idealerweise an einem einzigen Tag statt. Die Zugehörigkeit der einzelnen Schülerinnen und Schüler zu den verschiedenen Ländergruppen sowie ihre Rolle innerhalb dieser werden eine Woche vor Spielbeginn ausgelost. Das Spiel besteht aus drei Phasen:

Positionierungsphase

In dieser Spielphase definieren die Gruppen ihre Zielsetzungen in der Julikrise und legen die Methoden fest, die zur Bewältigung der Krise eingesetzt werden sollen. Die Ergebnisse der Diskussion werden schriftlich festgehalten und von allen Gruppenmitgliedern unterzeichnet. Eine Kopie des Papiers wird an die Spielleitung, also die Lehrerin oder den Lehrer, übergeben. In dieser Phase kommunizieren die Ländergruppen nicht direkt miteinander. Lediglich die Gruppe „Internationale Presse“ führt Interviews mit Vertretern der einzelnen Gruppen und macht diese an einer Stellwand öffentlich.

Austauschphase

Sind alle Positionen notiert, geht es in die eigentliche Spielphase über. Die Ländergruppen können jetzt in Kontakt zueinander treten und somit ihre Positionen austauschen. Die Kommunikation nimmt stets den Weg über die Spielleitung, die somit den Überblick über den Spielverlauf hat: Es bleibt jeweils ein Durchschlag jedes Schreibens bei der Spielleitung, ein weiterer bei der Absendergruppe, damit diese den Überblick über ihr bisheriges Handeln behält.

 

Die Ländergruppen können auch bi- oder multilaterale Konferenzen beantragen, welche dann an separaten Tischen stattfinden. Diese werden von der Spielleitung protokolliert, die Gruppe „Internationale Presse“ darf an diesen Konferenzen teilnehmen und darüber berichten. Die Spielleitung wiederum kann durch die Hereingabe von neuen Materialien, etwa Äußerungen von Ländern wie den USA, in den Spielverlauf eingreifen. „Als Spielleiter haben Sie alle Hände voll zu tun“, betonte Teuscher. Im Probelauf während des Workshops wurde das deutlich, denn nicht selten gehen gleichzeitig mehrere Schreiben ein, die gesichtet und protokolliert werden müssen.

Auswertungsphase

Mit Erreichen des 31. Juli 1914 in der Spielzeit wird die zweite Phase beendet, in der folgenden wird die Zuordnung zu den Gruppen aufgehoben, die Schülerinnen und Schüler ordnen sich in einem Stuhlkreis an. Es folgt die Auswertung, also der Vergleich des Spielverlaufs mit der tatsächlichen Geschichte. Ebenso wird das Ergebnis mit den Positionspapieren aus der ersten Spielphase verglichen, um festzustellen, welche Gruppen „zur Friedenserhaltung von ihrer Ausgangsposition abgewichen sind bzw. welche Ländergruppe ein Maximum an eigenen Zielen in der Spielphase durchgesetzt hat“, so Teuscher.

 

Im Fall, dass die zweite Spielphase nicht zu einer friedlichen Lösung der Julikrise geführt hat, sollten die Ursachen „im Hinblick auf ‚verpasste Chancen‘ zur Friedenswahrung diskutiert werden“, etwa die Frage nach einem oder mehreren Kriegstreibern und warum deren aggressives Verhalten nicht von den anderen Gruppen eingedämmt werden konnte.
Bei den acht Malen, die Teuscher das Spiel durchgeführt hat, kam es fünfmal zu der erwünschten friedlichen Konfliktlösung, dreimal habe ein Krieg nicht verhindert werden können. „Ich habe zumindest den Verdacht, dass männliche Spielteilnehmer eher dazu neigen, den Konflikt eskalieren zu lassen“, sagte er auf Nachfrage. Man erlebe immer wieder, dass einzelne Spielteilnehmer gezielt eine Verschärfung des Konflikts herbeiführten.

 

Im Workshop beim Fachtag konnte dies nicht verifiziert werden, denn es war nicht die Zeit, die zweite Spielphase überhaupt zu Ende zu bringen. Einig waren sich die anwesenden Lehrerinnen und Lehrer weitgehend darin, dass ein solches Spiel einen hohen Lerneffekt habe. Aufgrund des großen Zeitaufwands sahen viele eine Einsatzmöglichkeit jedoch eher im Rahmen von Projekttagen als im regulären Unterricht mit in der Regel zwei Wochenstunden.

 

Das Stadtmedienzentrum bietet die Möglichkeit, das Spiel anstatt mit Stift, Papier und Kohlepapier auf einer Moodle-Plattform zu spielen. „Auch wenn wir eine technische Schule sind, solche Möglichkeiten haben wir leider nicht“, so Teuscher. Wo dies jedoch der Fall ist, biete es sich natürlich an, diese Version zu wählen.

 

Die Materialien zum Spiel können beim Stadtmedienzentrum heruntergeladen werden, auch für den „Offline-Modus“.
 

Im MediaCulture-Blog finden Sie weitere Beiträge vom Fachtag Geschichte 2014 am Stadtmedienzentrum Stuttgart, die Kolleginnen und Kollegen von der SESAM-Redaktion haben zudem eine umfangreiche Medienliste zum Ersten Weltkrieg zusammengestellt.

Geschichte, Lehrkräfte, Sekundarstufe, Tagungsdokumentation

Maximilian Mull, 02.04.2017 um 10:56
Wo finde ich die Materialien des Stadtmedienzentrums?
Elke Balzhäuser, 21.07.2017 um 14:00
Sehr geehrte Damen und Herren,
als Oberstudienrätin für Geschichte am Freisinger Camerloher-Gymnasium in Bayern biete ich im nächsten Schuljahr ein sog. Projekt-Seminar in der Q11 an zum Thema "Entwicklung, Erprobung und Evaluierung eines Planspiels zur Geschichte".
Falls möglich, würde ich gerne das Planspiel zur Julikrise von Herrn Teuschner ausprobieren.
Bitte teilen Sie mir mit, unter welchem Link ich die Materialien finden kann.

Herzliche Grüße
Elke Balzhäuser
Jiří Hönes, 27.07.2017 um 12:22
Liebe Frau Balzhäuser,

vielleicht wenden Sie sich am besten an das Ellental-Gymnasium in Bietigheim-Bissingen, wo Herr Teuscher unterrichtet:
http://129.143.68.108/index.php/adresse
Mit freundlichen Grüßen
Jiří Hönes
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