MediaCulture-Online Blog

22.10.2012 | Anja Lochner

Kongress: „Medienkompetenz macht Bildung“

Bild: Arnim Weischer/LMZ

Wie verankert man Medienbildung nachhaltig in der Schule? Wie sieht ein souveräner und verantwortungsbewusster Umgang mit Medien aus? Wozu brauchen wir eine digitale Ethik? Wie vermittelt man Datenschutz anschaulich und kindgerecht? Beim Kongress Medienkompetenz macht Bildung, der am 15. Oktober 2012 im Haus der Wirtschaft in Stuttgart vom Landesmedienzentrum (LMZ) veranstaltet wurde, konnten sich Lehrkräfte, ErzieherInnen, VertreterInnen der Bildungsverwaltung und Eltern über die Entwicklungen in der Mediengesellschaft informieren, auf den aktuellen Diskussionsstand in der Medienbildung bringen lassen und sich über eigene Erfahrungen austauschen. Eröffnet wurde der Kongress vor über 200 Zuhörerinnen und Zuhörern von Silke Krebs, Ministerin im Staatsministerium Baden-Württemberg.  Die interessantesten Beiträge sowie Interviews mit den HauptrednerInnen haben wir für Sie an dieser Stelle zusammengefasst.

Bildung im Medienzeitalter – Medien in Bildungsbiografien

Claudia Kuttner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Promovendin in der ESF-geförderten Nachwuchsforschergruppe GeNuMedia, ein Kooperationsprojekt der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig und der Universität Leipzig. Hier beschäftigt sie sich im Besonderen mit intergenerativer Medienarbeit im Kontext schulischer Medienkompetenzförderung. Welche Rolle die Medien in Bildungsbiografien von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen spielen, beleuchtete sie in ihrem Vortrag im Rahmen des Medienkongresses. Im Interview haben wir sie unter anderem gefragt, wie die Medien unser Leben und unsere Lernkultur verändert haben und worin die Unterschiede im Mediennutzungsverhalten von Kindern und Erwachsenen liegen.

Ethik 2.0: Neue Antworten auf alte Fragen?

Unsere schöne digitale Welt bringt auch Schattenseiten mit sich, wie zum Beispiel ungleiche Zugangsbedingungen zum Wissen, mangelnde Informationsgerechtigkeit, verletzendes Kommunikationsverhalten im Netz, Gefährdung durch problematische Inhalte oder Abzocke, unfaire Produktionsbedingungen technischer Geräte wie Handys oder eine hohe Umweltbelastung durch die Entsorgung derselben. In ihrem Vortrag Ethik 2.0 – neue Antworten auf alte Fragen? beschäftigte sich Prof. Dr. Petra Grimm (Hochschule der Medien, Stuttgart) mit diesen Konfliktfeldern, indem sie die Grundzüge einer digitalen Ethik vorstellte. So muss eine digitale Ethik auf der einen Seite die aktuellen Entwicklungen kritisch reflektieren und beschreiben, auf der anderen Seite Begründungen für vertretbare Handlungen erarbeiten.

 

Schulen und Hochschulen sollen dabei die Fähigkeit vermitteln, Werte zu reflektieren. Aber auch und gerade die Medienwirtschaft (Stichwort: Selbstverpflichtung) oder die UserInnen (Stichwort: Brauche ich wirklich jedes Jahr ein neues iPhone?) seien an der Stelle gefragt. Als besonders wichtig für den Schutz unserer Privatsphäre hob Grimm die „informationelle Gerechtigkeit“ hervor, also den Schutz von Informationssphären, Transparenz in Bezug auf die Verwertung eigener Daten und das „Recht auf Vergessen“. Die Präsentation als PDF-Dokument finden Sie hier.

Mediatisierung der Gesellschaft – Schulen als mediatisierte Welten?

Andreas Breiter, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Informationsmanagement Bremen (ifib), und seine Kollegen haben den Computereinsatz an deutschen Schulen untersucht. Wir haben ihn unter anderem gefragt, welche Hindernisse man für den Computereinsatz identifizieren kann und welche Lösungen sich anbieten. Seine Antworten bieten einen umfassenden Einblick ins Thema sowie sachgerechte Lösungsansätze. Seine vollständige Präsentation finden Sie in Form einer Prezi.

Adden, Posten, Gamen – Jugend 2.0

Die Hauptbeschäftigung von Jugendlichen im Internet ist Kommunikation in jeder Hinsicht. Eigene Medienproduktionen außer Fotos stehen dabei eher im Hintergrund, dafür entwickelt sich YouTube momentan zu der Plattform für Jugendliche, auf der zunehmend Informationen, Meinungen und Befindlichkeiten ausgetauscht werden. Diese Ergebnisse stellte Nadine Jünger von der Universität Leipzig aus dem Medienkonvergenz Monitoring III im Forum Adden, Posten, Gamen vor. Ihre Thesen lauten:

 

  • Informelle Bildungsprozesse gewinnen zunehmend an Bedeutung, da das Web 2.0 neue Bildungsräume bereithält.
  • Diese Bildungsprozesse sind mobil, ortsunabhängig sowie hochkomplex, individuell und flexibel gestaltbar und damit stark von den Kompetenzen der NutzerInnen abhängig. Aus diesem Grund lassen sich Bildungspotenziale nicht übergreifend und eindeutig bestimmen, sondern nur auf der Basis vorhandener Kompetenzen im Umgang mit dem Web 2.0.
  • Bildungsprozesse mit und über Medien anzuregen und zu begleiten, erfordert seitens der Fachkräfte Kenntnisse über Freizeit- und Medienkulturen Heranwachsender sowie ein Verständnis vom Umgang Jugendlicher mit Medien.

 

Paul Nollenberger von der Jugendstiftung stellte zwei Projekte vor, in denen Jugendliche selbst produktiv werden können: Zum einen das Freizeit-Wiki, an dem Jugendliche diese Form der Wissensgenerierung erproben können, indem sie besonders angesagte Freizeitaktivitäten und -orte für andere beschreiben und beispielsweise mit Fotos präsentieren können. Zum anderen das Redaktionssystem Redax, mit dem Jugendliche eigene Online-Redaktionen gründen können, um Online-Magazine in Text und Bild zu gestalten. Darüber hinaus demonstrierte Nollenberger mittels der kostenlosen webbasierten Software animoto, wie schnell mit Smartphone, dessen Kamerafunktion und der Animationssoftware samt zur Verfügung gestellter gemafreier Musik ein kurzer Animationsfilm hergestellt und online, zum Beispiel auf YouTube, veröffentlicht werden kann. Zu sehen ist der Clip hier.

 

Johannes Zylka zeigte ausgewählte Ergebnisse aus einer eigenen Untersuchung, die er unter 15-jährigen Schülerinnen und Schülern zur Mediennutzung durchgeführt hat. Besonders interessant sind die Befunde zur Handynutzung oder auch zum Umgang mit E-Mail. Die Folien der Präsentation finden Sie hier.

 

Schließlich präsentierte Stefan Voß, Latein-, Religions- und ITG-Lehrer am Otto-Hahn-Gymnasium in Böblingen, sein Moodle-Lernforum Latein, das er mit seiner 7. Klasse eingerichtet hat. Voß nutzt das Lernforum Latein auch zur Binnendifferenzierung und beobachtet erfreut, dass gerade über das Lernforum stärkere Schülerinnen und Schüler den schwächeren helfen. Fast nebenbei vermittelt er im Zusammenhang mit dem Moodle-Lernforum den sicheren Umgang mit dem Internet sowie datenschutzrechtliche Aspekte und bespricht Fragen des pfleglichen Umgangs miteinander.

Medienbildung im Unterricht

Rita Haller; Bild: Arnim Weischer / LMZ

Wenn die Schulen nicht den Umgang mit Medien lehren, wer dann? Dies war eine der zentralen Thesen, die Rita Haller, Schulleiterin an der Maximilian-Lutz-Realschule in Besigheim, im Forum Medienbildung im Unterricht aufstellte. Im Vordergrund stand daher die Frage, wie Schulen Medienbildung nachhaltig und strukturell in den Unterricht integrieren können. Auch Florian Nohl, Schulleiter der Karl-Friedrich-Schimper-Realschule in Schwetzingen, betonte: „Gute Medienbildung kommt nicht zufällig in den Unterricht, sondern bedarf einer kontinuierlichen und konsequenten Einbettung in planvolle Schulentwicklungsprozesse.“ So hat er gemeinsam mit seinem Kollegium bereits ein Methodencurriculum und das Fach Internetrecherche eingeführt. Zurzeit ist die Schule dabei, ein Mediencurriculum in ihre Jahrespläne einzuarbeiten.

 

Jürgen Heilig ist Lehrer am Theodor-Heuss-Gymnasium in Heilbronn, das seit langem auf den Einsatz neuer Medien im Unterricht setzt und vor einiger Zeit bereits ein Präventionscurriculum zur Medienbildung aufgesetzt hat. Auch an dieser Schule wird ein konsequenter fächerintegrativer Ansatz verfolgt. Das Thema „illegale Downloads“ wird beispielsweise im Fach Musik aufgegriffen, in Mathematik werden Handytarife berechnet und verglichen, während das Thema Onlinesucht im Fach Biologie seinen Platz findet. Um alle Beteiligten mit einzubeziehen, finden zudem regelmäßig Elternabende statt und die Jugendlichen selbst können ihre Interessen in die Planung der Unterrichtsinhalte einbringen.

 

Abschließend stellte Dr. Peter Jaklin, stellvertretender Direktor des Landesmedienzentrums (LMZ), den Praktikern die Bildungsplanmatrix vor, die den Inhalten der baden-württembergischen Bildungspläne vielfältige Medienangebote zuordnet. Darüber hinaus schlägt sie ein Medien-, ein Filmbildungs- und ein Jugendmedienschutzcurriculum vor, mit deren Hilfe sich Schulen auf den Weg machen können, Medienbildung systematisch im Unterricht zu verankern.

Datenschutz in der Schule

Walter Kicherer, Hanno Wagner, Eva Weiler (Moderation)

Welche Daten darf bzw. muss die Schule speichern? Dürfen Lehrkräfte mit ihren SchülerInnen Facebook als Unterrichtstool benutzen? Müssen die Veröffentlichungsrechte von Schülerfotos auf der Schulhomepage jeweils einzeln abgeklärt werden oder reicht eine einmalige Einverständniserklärung der Eltern? Diesen und anderen kniffligen Fragen stellte sich Dr. Walter Kicherer, abgeordneter Lehrer beim Landesdatenschutzbeauftragten von Baden-Württemberg, und erklärte recht unterhaltsam die Grundlagen des Datenschutzes und der informationellen Selbstbestimmung. Dabei ging es zum einen um Wissen, also den kompetenten Umgang mit Technologien (Wo verändere ich die Privatsphäreneinstellungen? Worauf greift eine App zu und was macht sie damit?), zum anderen um Werte (Warum soll ich meine Privatsphäre und die von anderen schützen? Was schreibe ich im Netz über Andere?). Für Kinder und Jugendliche ist es in diesem Zusammenhang wichtig zu lernen, welche Rechte sie und Andere haben, wo sich die Grenzen von Rechten befinden und wo vielleicht auch Pflichten anfangen. Das oberste Ziel sei es in jedem Fall, ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Dies könne beispielsweise gut durch Planspiele wie Datenschutz 2.0 vermittelt werden, bei dem es darum geht, Jugendliche für die Problematik von verknüpften personenbezogener Daten zu sensibilisieren.

 

Hanno Wagner vom Chaos Computer Club (CCC) stellte das Projekt Chaos macht Schule vor. Dessen Ziel ist es einerseits, SchülerInnen, Eltern und LehrerInnen ein grundlegendes Technikverständnis zu vermitteln, und sie andererseits kritisch hinterfragen zu lassen, warum Konzerne wie Facebook oder Google zum Beispiel überhaupt ein Interesse an den Daten seiner NutzerInnen haben und was diese damit machen. Fazit des Forums: Am wichtigsten sei die Vermittlung von Wissen und Werten gehe, gerade weil alle fünf Jahre eine neue Mediensau durchs Dorf getrieben werde, so sinngemäß Kicherer.

Außerschulische Pädagogik, Datenschutz, Eltern, Erzieherinnen und Erzieher, Interview, Jugendmedienschutz, Lehrkräfte, Medienbildung, Sekundarstufe, Tagungsdokumentation

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