MediaCulture-Online Blog

19.10.2011 | Christine Sattler

Medienbildung – früh beginnen: Auftakt der Medienkompetenztage 2011

„Medienbildung – früh beginnen“ lautete das Motto der Auftaktveranstaltung der regionalen Medienkompetenztage am 12. Oktober 2011. Die Initiative Kindermedienland Baden-Württemberg eröffnete mit diesem Fachtag die Reihe der regionalen Medienkompetenztage im ganzen Land. In den kommenden Monaten stellen die 57 Stadt- und Kreismedienzentren gemeinsam mit dem Landesmedienzentrum Baden-Württemberg (LMZ) in ihrem Landkreis einen Medienkompetenztag auf die Beine. Das diesjährige Motto Medienbildung – früh beginnen lehnt sich an den thematischen Schwerpunkt des LMZ für 2011 an, der mit verschiedenen Projekten die frühe Medienbildung in den Blick nimmt.

Fachtag mit 200 Anmeldungen komplett ausgebucht

Dass der Bedarf nach aktuellen Informationen und fachlichem Austausch zum Thema frühe Medienbildung groß ist, zeigte die Resonanz der Veranstaltung. Der Auftakt lockte rund 200 Interessierte ins Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe (ZKM). Darunter Erzieherinnen und Erzieher, Grundschullehrkräfte sowie Multiplikatoren aus den Ministerien, den Schulämtern und Regierungspräsidien sowie der verschiedenen Initiativen.

Im Mittelpunkt des Vormittags stand der Vortrag von Prof. Norbert Neuß „Mit offenen Augen und Ohren – Medienbildung früh beginnen“. Neuß ist Medienpädagoge, Erziehungswissenschaftler und Hochschullehrer an der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie Vorsitzender der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK).

Warum frühe Medienpädagogik?

Norbert Neuß; Bild: Andrea Rachele/LMZ

In seinem Vortrag machte er deutlich, wie wichtig es ist, Kinder bereits im Vorschulalter dabei zu unterstützen, sich einen kritischen Umgang mit Medien anzueignen: „Die Vorschulpädagogik muss sich an der kindlichen Lebenswelt orientieren und dementsprechend auch eine Medienbildung in den Blick nehmen. Geschieht dies nicht, werden die Kinder bei dieser Entwicklungsaufgabe allein gelassen“, so Neuß. Kinder verarbeiten Erlebnisse indem sie darüber sprechen, phantasieren oder zeichnen. Dies gelte auch für die Verarbeitung von Medienerlebnissen. Dabei bräuchten sie Orientierung, gerade auch im Bezug auf Werbung und Konsum. Medienpädagogische Bildungsarbeit helfe Eltern bei der Auswahl guter Medieninhalte und berate im Hinblick auf einen sinnvollen Medienumgang.

 

Einblicke in die medienpädagogische Praxis

 

Der beste Weg, Kinder im Umgang mit Medien zu fördern, ist die kreative Medienarbeit. Aus diesem Grund hatten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Nachmittag Gelegenheit, in vier verschiedenen Praxisworkshops Methoden zur kreativen Medienarbeit im Kindergarten und in der Grundschule sowie zum Einsatz von Computer und Whiteboards in der Grundschule kennenzulernen und auszuprobieren.

Alle wissen’s – keiner macht’s

Neuß kritisierte, dass Medienbildung in den Bildungsplänen der Länder oftmals nur eine Nebenrolle spiele. Die fächerintegrierte Medienbildung laufe auf das Prinzip hinaus: „Alle wissen’s – keiner macht’s“. Auch Baden-Württemberg müsse in diesem Punkt nachbessern: Medienbildung sei zwar in den Bildungsplänen von 2004 integriert, werde aber nicht explizit erwähnt. „Sie ist drin, man findet sie aber nicht so leicht“, so sein Fazit. Gleiches gilt auch für den Orientierungsplan für die Kindergärten. Die Wörter Internet und Computer tauchen dort kein einziges Mal auf. Einzig der dehnbare Begriff Medien wird erwähnt, der sich seiner Erfahrung nach meistens auf das Bilderbuch beschränkt.

Forum 1: Bilder zum Sprechen bringen. Mit dem Mauszeiger auf akustische Entdeckungsreise

Referenten: Thomas Herbst, Simone Dinse, Vincent Aniol

 

Der gleichnamige Workshop machte seinem Namen alle Ehre: Gemeinsam mit den Teilnehmern wurden Bilder „zum Sprechen“ gebracht – und gleichzeitig die Grundfunktionen des Audioschnittprogrammes Audacity erläutert. Sprechende Bilder sind für alle Altersgruppen einsetzbar, können gemalt, collagiert oder fotografiert sein und werden mit selbstproduzierten Geräuschen oder GEMA-freier Musik unterlegt.

 

Zunächst konnten sich die Teilnehmer anhand von Beispielen aus der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern ein Bild davon machen, wie vielfältig die sprechenden Bilder gestaltet werden können. Anschließend ging es an die Eigenproduktion. Zum Thema Gefühle wurden in einem ersten Schritt Gefühle wie Trauer, Wut, Freude in einem Gruppenfoto und in Porträtaufnahmen mimisch dargestellt und festgehalten. Der zweite Arbeitsschritt diente dazu, diese Gefühle zu vertonen. Der Satz „Da hinten kommt Frau Meier“ wurde auf unterschiedlich gefühlvolle Weise eingesprochen und abgespeichert. Bei den Sprachaufnahmen erläuterten die Referenten die Grundfunktionen von Audacity. Abschließend konnten die Teilnehmer mit PowerPoint unter Anleitung der Referenten aus den Foto- und Audioaufnahmen selbstständig ein sprechendes Bild erstellen. Hier finden Sie die Anleitung „Sprechende Bilder in PowerPoint“.

 

Fazit: Ein rundherum gelungener Workshop. Neben dem Fokus auf die medienpraktische Umsetzung legten die Referenten Wert darauf, wertvolle Tipps für die pädagogische Herangehensweise weiterzugeben: Wichtig ist es, immer darauf zu achten, die gesamte Gruppe einzubeziehen. Stellt ein Kind/Jugendlicher beispielsweise ein Gefühl mimisch dar oder spricht es ein, können die anderen Teilnehmer raten, um welches Gefühl es sich handelt und rückmelden, ob es gut zu erkennen war oder Verbesserungsvorschläge geben. Bei der Beurteilung, ob ein Gefühl gut transportiert wurde, sollte immer zuerst derjenige zu Wort kommen, der es dargestellt hat. Es sollte darauf geachtet werden, niemanden bloßzustellen, wenn die Darstellung des jeweiligen Gefühls nicht sofort gelingt. Bei der Methode „Sprechende Bilder“ steht nicht das fertige Produkt im Vordergrund, sondern der gemeinsame Weg dorthin. Auch Themen, die in der Klasse/Gruppe gerade aktuell sind, können auf spielerische Art einbezogen werden. Eine ausführliche Darstellung zum Einsatz von „Sprechenden Bildern“ finden Sie hier.

 

(Bianca Post, LMZ)

Forum 2: Achtung, die Mäuse sind los! Ideen und Beispiele zur kreativen Medienarbeit in Kindergarten und Hort

Geht das so einfach? Praktische Medienarbeit mit Vor- und Grundschulkindern? Wie viel technisches Know-how brauche ich und woher bekomme ich die Ideen? Welche Herausforderungen stellen die neuen Medien an Kinder im Vor- und Grundschulalter? Mit diesen Fragen beschäftigte sich der Workshop „Achtung, die Mäuse sind los!“

 

Die Referentin Cordula Schonard zeigte mit vielen konkreten Beispielen, dass medienpädagogische Projekte im Kindergarten und in der Grundschule ohne großen Aufwand möglich sind:

 

Kurze Geschichten, die sich die Kinder ausdenken oder bekannte Märchen, werden von den Kindern in ihren Worten in den Computer getippt. Dazu werden passende Motive gezeichnet und eingescannt, die Bilder können zum Abschluss mit passenden Geräuschen unterlegt werden.

 

„Wichtig ist es, an den Interessen der Kinder anzusetzen, wenn Sie ein medienpädagogisches Projekt planen. Beobachten und fragen Sie die Kinder was sie interessiert und beziehen Sie die Kinder in die Ideenfindung mit ein“, sagt Cordula Schonard.

 

Im zweiten Teil des Workshops tauschten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über eigene Projektideen aus und nutzten den PC, um online weitere Ideen zu medienpädagogischen Projekten zu recherchieren.

 

(Regine Laun, LMZ)

Forum 3: Bilder auf Knopfdruck – künstlerisch-kreative Arbeit mit Bildmedien

Banu Beyer, Referentin für Kunstvermittlung und Museumskommunikation am ZKM Karlsruhe, zeigte im Workshop „Bilder auf Knopfdruck“, wie sie mit Vorschulkindern künstlerisch-kreativ arbeitet. Ihr Werkzeug: Spiegelreflex- und Videokamera.

 

Bevor die Kinder in Banu Beyers Kursen selbst zur Kamera greifen, schauen sie sich Werke im Museum an. Für Beyer ist wichtig, dass die Kinder eine Verbindung zwischen den Bildern und ihrer eigenen Welt herstellen.

 

Kunst erzählt Geschichten. Kunst lässt uns fühlen.

 

Nach diesem theoretischen Einstieg geht es an die praktische Arbeit. Beispielsweise zum Thema Porträt. Die Kinder haben die Aufgabe sich gegenseitig zu portraitieren. Sie überlegen sich, was sie besonders macht. Sind es die Augen? Die Haare? Oder die Nase? Wie Künstler analysieren sie Körper und Ausdruck. Erzählen Geschichten, schlüpfen in Rollen und inszenieren ihre eigene Welt.

 

Eine weitere künstlerische Technik – die die Teilnehmer des Workshops selbst ausprobierten – ist Stop Motion. Mit dieser Trickfilmtechnik lassen sich ohne großen Aufwand unbewegliche Gegenstände animieren. Die Objekte werden jeweils um ein kleines Stück weiterbewegt und für einige Sekunden gefilmt. Lässt man den Film von Anfang an laufen, entsteht Bild für Bild die Illusion der Bewegung. Hier ein Beispiel:

Kunst sammelt, sortiert und ordnet an.

 

Auf einem Aufgabenblatt von Banu Beyer steht: Sammlung, Unordnung, Ordnung, Umordnung der Dinge. Die Teilnehmer bekommen unterschiedlich große Pinsel, Buntstifte in allen Farben, Scheren und Klebebandrollen. Die Aufgabe: sammeln, ordnen, umordnen und fotografieren. Beim anschließenden Betrachten der Ergebnisse bringt es eine Teilnehmerin auf den Punkt: jeder hat seine eigene Vorstellung von Ordnung. Der eine ordnet nach Farbe, der andere nach Größe und der nächste nach Funktion.

 

Was die Teilnehmer mit nach Hause nehmen: Mit einfachen Ideen lassen sich im Kindergarten tolle künstlerische Projekte mit der Foto- und Videokamera realisieren.

 

(Christine Sattler, LMZ)

Forum 4: Ein Netz für die Grundschule

In Forum 4 stellte Monika Lüthje-Lenhart praktisch dar, wie man den PC im Grundschulunterricht einsetzen kann. Einleitend ging die pädagogische Referentin auf die Frage ein, ob der PC-Einsatz in den unteren Klassenstufen überhaupt notwendig sei. Ihre Meinung, ein eindeutiges Ja, belegte sie anhand der KIM-Studie, die aufzeigt, dass sich zwischen dem Computereinsatz zu Hause und dem in der Schule eine riesige Schere auftut. Man müsse die Schüler dahingehend begleiten, dass sie zu ihrem PC sagen könnten: „Ich bin der Chef, du bist mein Werkzeug, ich beherrsche dich!“. Medienbildung in der Schule müsse das Lernen über Medien, das Lernen mit Medien und das Arbeiten mit Medien vermitteln.

 

Die Referentin führte eine Reihe von Gründen auf, die für den frühzeitigen Einsatz von Computern im Unterricht sprechen und gab praktische Beispiele:

  • Technik wirkt motivierend, hilft bei Lernschwächen (z.B. Tastatur bei schlechter Schreibschrift);
  • Technik schafft und vereinfacht Schreibanlässe (z.B. kann die Frage „Wer darf in der nächsten Stunde neben mir sitzen?“ per Kindermail wie antolin oder mailkids erledigt werden);
  • das Thema Cybermobbing kann frühzeitig in der Unterstufe thematisiert werden, statt in der Mittelstufe, wenn es oftmals zu spät ist;
  • Technik kann Schülerleistungen aufwerten (z.B. bei Veröffentlichungen von Schülerleistungen online);
  • Lesekompetenz wird gesteigert (Websiten wie www.antolin.de steigern Lesemotivation und verbessern das Textverständnis);
  • Technik erlaubt die Gestaltung individueller Lernziele;
  • Unterricht wird integrativer und ganzheitlicher.

Der Einsatz von Technik verlangt laut Monika Lüthje-Lenhart ein Umdenken der Lehrer in Bezug auf ihre eigene Funktion und Unterrichtsgestaltung. Lehrkräfte müssen stärker als Lerncoaches agieren und Lernprozesse organisieren. Frontalunterricht müsste der Gruppenarbeit weichen.

 

Im Workshop tauchte die Frage auf, wie damit umzugehen ist, wenn Kinder zu Hause über keinen Internetanschluss bzw. Computer verfügen. Laut Lüthje-Lenhart sei das bei ihr schon lange nicht mehr der Fall gewesen. Sollte es dennoch vorkommen, so dürfen die Schüler für die Hausaufgaben die Schulrechner benutzen. Abschließend stellte sie eine Reihe von Arbeitsblättern vor, die in ihrem Unterricht bereits zum Einsatz kamen sowie eine von Schülern erstellte Powerpoint-Präsentation.

 

Im zweiten Teil stellte Referent Marc Laporte den Einsatz von interaktiven Whiteboards in der Grundschule an einem Gerät der Firma smart vor. Marc Laporte zeigte am Fach Deutsch wie ein Unterrichtsaufbau am Whiteboard funktionieren kann. Den Unterrichtsaufbau finden Sie hier. Ergänzend dazu gibt es Material für interaktive Whiteboards der Firma SMART und Promethean.

 

Die Teilnehmer reagierten zum Teil skeptisch auf die Vorstellung der Technik. Zu ihren Kritikpunkten zählen die Lehrerorientierung, die hohen Kosten und die Haltbarkeit der Technik insbesondere der Beamer-Lampen. Einige Besucher befürchten, dass der Einsatz von Whiteboards den Autoritätsverlust der Lehrer verstärken könnte. Schüler würden schneller und besser mit dem Gerät umgehen als Lehrer und damit die Lehrerautorität unterwandern. Zum Ausklang diskutierten die Teilnehmer des Workshops angeregt mit den Vertretern der Firma smart über die Kritikpunkte.

 

(Christian Reinhold, LMZ)

Erzieherinnen und Erzieher, Grundschule, Lehrkräfte, Medienbildung, Tagungsdokumentation

Keine Kommentare
Kommentar hinzufügen

* = Pflichtfeld

*
*
*

CAPTCHA Bild zum Spamschutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*