MediaCulture-Online Blog

08.10.2013 | Dr. Manfred L. Pirner

Medienbildung im Religionsunterricht

Bild: Fiona Hodge; Lizenz: CC BY

Medien und Religionsunterricht – mehr als Methodik

Nach wie vor begegnet man unter Religionslehrkräften und wissenschaftlichen Religionsdidaktikerinnen und Religionsdidaktiker der Ansicht, die Beschäftigung mit Medien im Religionsunterricht gehöre in den Bereich des Methodischen, mit der Hauptfrage, welche Medien wie als didaktisches Mittel genutzt werden können. Eine solche Haltung verkennt die grundlegende Bedeutung der Medien für den Religionsunterricht, die sich in vierfacher Hinsicht verdeutlichen lässt.

  • In anthropologischer Hinsicht gehören Medien – in einem weiten Sinn – von jeher zum Menschen. Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen und somit ein „homo medialis“, der durch die Medien der Sprache, Bilder und Symbole Wirklichkeit gestaltet und in sie verwoben ist.
  • In religionstheoretischer Hinsicht sind Medien unverzichtbare Bestandteile von Religionen, insbesondere der großen Offenbarungsreligionen Judentum, Christentum und Islam. Weil die göttliche Wirklichkeit nicht unmittelbar sinnlich erfahrbar ist, wird sie primär medial, also durch (auch sprachliche) Bilder, Symbole oder Rituale dargestellt. Aber auch für die Tradierung der Offenbarungserfahrungen spielen Medien (v. a. heilige Schriften) eine zentrale Rolle. Deshalb ist durch die Jahrhunderte hindurch die Bedeutung von Medien immer wieder zu einem wesentlichen Gegenstand theologischer Reflexion gemacht worden (vgl. z. B. die Diskussion um das alttestamentliche Bilderverbot oder um das rechte Verständnis der Heiligen Schrift in den abrahamitischen Religionen).
  • In kulturtheoretischer Hinsicht lässt sich darauf verweisen, dass die heutige Medienkultur stark von religiösen Traditionen und Elementen durchzogen ist (z. B. sind viele Filme wie Erlösungsdramen aufgebaut, tauchen religiöse Symbole oder Motive in Filmen, in der Werbung oder in Musikvideos häufig auf). Außerdem hat die Medienkultur selbst teilweise Funktionen übernommen, die traditionell der Religion zugeschrieben wurden (z. B. Sinnvergewisserung; Thematisierung der großen Lebensfragen; Ermöglichung von Transzendenzerfahrungen; ethische Orientierung).
  • In sozialisationstheoretischer Hinsicht zeigt sich, dass der ständige Umgang mit Medienwelten in einem Wechselwirkungsprozess das Wirklichkeits-, Welt-, Menschen- und Selbstverständnis der Heranwachsenden beeinflusst und damit auch deren religiöse Vorstellungen und Haltungen.

 

Fazit: Wegen der grundlegenden Bedeutung von Medien für Menschsein, Religion(en), Kultur und SchülerInnen kann der Religionsunterricht nicht an den Medien vorbei gehen. Die Beschäftigung mit Medien(welten) gehört aus genuin religionsdidaktischen Gründen zur Kernaufgabe des Religionsunterricht dazu. Medienbildung ist ein notwendiger Bestandteil religiöser Bildung, und die religiöse Bildung im Religionsunterricht kann Wesentliches und Eigenständiges zur gesamtschulischen Medienbildung beitragen.

Der besondere Beitrag des Religionsunterrichts zur Medienbildung

Der Religionsunterricht vereint mehrere Vorzüge, die ihn für die Medienbildung als besonders geeignetes Unterrichtsfach ausweisen:

  • Er verfügt über eine große Gegenstandsbreite (über die Darstellung von Religionen hinaus werden v. a. ethische Fragen und Lebensfragen thematisiert, aber auch historische und kulturgeschichtliche Aspekte),
  • ein breites Zielspektrum und
  • eine große Methodenvielfalt.
  • Er ist ausgesprochen schülerorientiert, weshalb die Fachlehrpläne häufig Freiräume zur Behandlung zusätzlicher lerngruppenrelevanter Themen vorsehen.

 

Der sorgfältige, deutend-interpretierende Umgang mit Texten, Bildern, Kunst, Symbolen und Liedern bzw. Musik gehört von jeher zu den Schwerpunkten des Religionsunterrichts, so dass hier ein reflektierter didaktischer Umgang mit Medien (Lernen mit Medien) eine gute Basis hat. Seit den 1980er Jahren sind zudem viele Handreichungen und Praxisbücher zum Arbeiten mit elektronischen Medien und Elementen der populären Kultur im Religionsunterricht erschienen (zunächst v. a. mit Popmusik, dann auch mit Filmen, Videoclips und Internet, vielfach auch aktive Medienarbeit).

 

Die besondere Stärke des Religionsunterrichts im Hinblick auf Medienbildung liegt in den Bereichen des Verstehens von und der kritischen Auseinandersetzung mit Medien und der Medienkultur (Lernen über Medien). Aus christlicher Sicht trägt eine theologische Hermeneutik v. a. dazu bei, die oben angedeuteten anthropologischen, religions-, kultur- und lebensweltlichen Dimensionen der Medienkultur zu erhellen (z. B. Wie wirklich ist die Medienwirklichkeit im Vergleich zur religiösen Wirklichkeit? Wie lassen sich die Funktionen der Medienkultur in unserer Gesellschaft in ihrer Nähe zur Religion genauer verstehen? Welche Rolle spielen die Medien beim Umgang der Schülerinnen und Schüler mit Lebensproblemen?). Für die kritische Auseinandersetzung mit Medien (im Sinne medienethischer Perspektiven) lassen sich aus der christlichen Tradition und gegenwärtigen theologischen Diskussion wertvolle Orientierungshilfen gewinnen (z. B. zu einem lebensförderlichen Umgang mit Medienwirklichkeiten generell; zum Umgang mit Mediengewalt angesichts der ‚Mediengewalt‘ in Bibel und christlicher Kunst; zur Frage der Menschenbilder in den Medien; zur Frage der sozialen Gerechtigkeit angesichts des sog. digital divide).

Generell leistet der Religionsunterricht mit seiner starken Betonung von Wirklichkeitsbildung, kultureller Bildung, ethischer Bildung und Persönlichkeitsbildung – auch ohne explizite Bezugnahme auf heutige Medienwelten – einen grundlegenden Beitrag zur Allgemeinbildung, der für die Medienbildung relevant ist und auf den medienerzieherische Bemühungen – auch in anderen Fächern – aufbauen können.

 

Konkrete Umsetzung im Unterricht

Medienweltorientierte Religionsdidaktik heißt in der Praxis insbesondere,

  • als Religionslehrkraft Elemente und die „Sprache“ der Medienkultur zu unterschiedlichen Themenbereichen in den Religionsunterricht einzubeziehen, weil dies besondere Lernchancen eröffnet;
  • den Schülerinnen und Schülern zu passenden Themen die Gelegenheit zu geben, selbst Beispiele aus ihren Medienwelten in den Religionsunterricht einzubringen;
  • die Medienkultur oder bestimmte Teile von ihr (z. B. Popmusik, Fernsehen, Internet) ab und zu zum Gegenstand des Religionsunterrichts zu machen (z. B. als exemplarische ethische Problemfelder);
  • gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern die religiösen und religionsähnlichen Züge, Dimensionen und Inhalte der Medienkultur zu entdecken, ihre Hintergründe zu erschließen und zur kritisch-konstruktiven Beurteilung anzuregen;
  • im Religionsunterricht selbst gut durchdacht mit (elektronischen) Medien wie v. a. dem Internet zu arbeiten und die Schülerinnen und Schüler in der Weiterentwicklung ihrer Medienkompetenz, zusammen mit ihrer religiösen und ethischen Kompetenz, zu unterstützen.

 

Zu vermeiden ist sowohl eine „Sprungbrett“-Didaktik, welche die Medienbezüge lediglich als Einstieg verwendet, um dann zum eigentlichen – traditionellen – Thema zu kommen, als auch eine „Kontrastfolien“-Didaktik, welche die Medienwelten lediglich als Quelle für Negativbeispiele heranzieht, denen dann die christliche Perspektive kontrastierend gegenüber gestellt wird. Wie empirische Studien sowie religionsunterrichtliche Erfahrungen zeigen, schätzen es die Schülerinnen und Schüler in der Regel, wenn ihre Lebenswelt (und Medienwelt) im Religionsunterricht vorkommt, solange diese Lebenswelt und ihre Meinung dazu ernstgenommen und differenziert diskutiert werden.

Zum Autor:

Prof. Dr. Manfred L. Pirner hat an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg den Lehrstuhl für Religionspädagogik und Didaktik des evangelischen Religionsunterrichts inne.

Bild: Jennifer Räpple

Hier finden Sie alle Informationen zum Bildungsplan 2016 und zur Umsetzung der Leitperspektive Medienbildung im Fach Evangelische Religionslehre in der Grundschule, der Sekundarstufe I und im Gymnasium sowie im Fach Katholische Religionslehre in der Grundschule, der Sekundarstufe I und im Gymnasium.

Links

Arbeitskreis Populäre Kultur und Religion

Auf der Homepage dieses Arbeitskreises der Evangelischen Akademie Hamburg gibt es Personen- und Literaturlisten zu religionstheoretischen und theologischen Arbeiten über Popkultur und Medien.

rpi-vituell

Auf dieser religionspädagogischen Online-Plattform ist die Materialsuche zum Schlagwort Medien bzw. Medienbildung ergiebig.

Spielfilm-Tipps für den Religionsunterricht 

In dieser Broschüre aus dem Jahr 2005 wird ein Kanon von 26 Filmen vorgestellt, deren "Lektüre" für den Religionsunterricht gewinnbringend ist.

Bibliothekstext: Google Earth im Religionsunterricht

Literatur

Pirner, Manfred L.: Medienweltorientierte Religionsdidaktik. In: Grümme, Bernhard/Lenhard, Hartmut/Pirner, Manfred L. (Hrsg.): Religionsunterricht neu denken. Innovative Ansätze und Perspektiven für den Religionsunterricht (Religionspädagogik Innovativ, Bd. 1). Stuttgart 2012, S. 159-172.

Pirner, Manfred L.: Medienbildung und religiöse Bildung. Grundlagen und Perspektiven einer medienweltorientierten Religionsdidaktik. In: Kropac, Ulrich/Langenhorst, Georg (Hrsg.): Religionsunterricht und der Bildungsauftrag der öffentlichen Schule. Begründung und Perspektiven des Schulfaches Religionslehre. Babenhausen 2012, S. 193-207.

Lehrkräfte, Medienbildung, Religion/Ethik

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