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15.11.2013 | Günther Scheefer

Medienbildung im Geografieunterricht

Bild: Aram Bartholi; Lizenz: CC BY-NC-ND

Warum Medien im Geografieunterricht?

Ein Geografieunterricht ohne Medieneinsatz ist nicht denkbar. Wie kaum ein anderes Fach lebt die Geografie von Visualisierung, von Beispielen aus der Realität, die über Medien Eingang in die Klassenzimmer erhalten. Nicht nur Luftbilder, Satellitenaufnahmen und Filme bereichern seit langem den Erkenntnisgewinn in der Geografie, sondern heute auch digitale Geomedien wie interaktive Karten, digitale Globen oder sog. Geografische Informationssysteme (GIS), mit denen sich Daten und Rauminformationen in fast grenzenloser Art und Weise kombinieren lassen. Die vielfältigen Möglichkeiten des Medieneinsatzes sind ein großer Gewinn für das Fach, welches das System Erde-Mensch ins Zentrum der Betrachtungen stellt, und bieten zahlreiche Möglichkeiten, problemlösungsorientiert, selbstverantwortlich und kooperativ zu lernen. Gleichzeitig erfordern die immer weiter steigende Zahl an Medienangeboten und die immer größere Komplexität der eingesetzten Medien eine solide Medienausbildung, um mit diesem Angebot umgehen zu können. Um auch über die Qualität eines Mediums urteilen zu können und um sich der Gefahren von Manipulation von und Steuerung durch Medien bewusst zu sein, müssen die Schülerinnen und Schüler zudem über ein hohes Maß an Medienreflexionskompetenz verfügen.

Warum Medienbildung im Geografieunterricht?

Im Fach Geografie besteht schon immer eine starke Verbindung zwischen Fachkompetenzen und Medienbildung. Der Einsatz von Medien im Unterricht hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten stark geändert. Während traditionell eher monomodale Medien im Unterricht (z. B. Zuhören bei einem Vortrag, Analyse eines Bildes) eine Rolle spielten, bei denen meist nur ein Weg der Kommunikation zum Einsatz kommt, nehmen immer mehr die multimodalen Medien (z. B. Filme, Multimedia-Anwendungen) Unterrichtsraum ein, die verschiedene Sinneszugänge gleichzeitig bedienen. Auch die Codes haben sich deutlich verändert. Der Rezipient muss mittlerweile nicht nur verbale oder imaginäre Decodierung beherrschen, sondern v. a. die multicodale Entschlüsselung von Medien einsetzen können, um beispielsweise die Zusammenhänge von Texten, Bildern und Tönen verstehen und bewerten zu können. Gerade die pädagogische Forderung in der aktuellen Bildungsdiskussion nach individueller Förderung und Kompetenzorientierung lässt die Vorteile von Multicodierung und Multimodalität in den Blickpunkt treten: „Mit Multicodierung und Multimodalität gelingt es besonders gut, komplexe authentische Situationen realitätsnah zu präsentieren und den Lerngegenstand aus verschiedenen Perspektiven, in verschiedenen Kontexten und auf unterschiedlichen Abstraktionsniveaus darzustellen.“ [1] Mit der Bildungsplanreform 2004 wurden zudem Präsentationskompetenzen der Schülerinnen und Schüler deutlich stärker in den Vordergrund gestellt. Ob in Seminarkursen, Facharbeiten, Präsentationsprüfungen, projektorientiertem Arbeiten oder verbindlichen Referaten (GFS), überall stehen Medien als Bestandteil einer gelungenen Präsentation im Fokus. Die zunehmende Bedeutung der Medien im Unterricht unterstützt auch die veränderte Rolle der Lehrkräfte weg vom dominierenden Medium hin zum Lernbegleiter. Die Lehrkraft plant, initiiert und moderiert den effektiven Einsatz von Medien und regt zu einem selbstständigen, aber auch kritischen Umgang mit Medien an.

Lernen mit Medien im Geografieunterricht

Der Einsatz von Medien im Geografieunterricht ist nahezu grenzenlos. Neben auditiven Medien wie beispielsweise Tondokumenten, Interviews oder Radioberichten, spielen im Geografieunterricht v.a. die visuellen Medien eine bedeutende Rolle. Bilder von Landschaften, Abbildungen, Texte, Landschaftsprofile, Kausalprofile, Blockbilder, (Klima-)Diagramme, Tabellen, Schemata oder Wirkungsgefüge nehmen ebensoviel Raum ein wie Karten, Luftbilder, Satellitenaufnahmen oder Thermalscanner-darstellungen, um beispielsweise verschiedene Oberflächentemperaturen in Karten darzustellen. Auch haptische Medien finden im Unterricht häufig Einsatz, weil sie Realbegegnungen ermöglichen oder sehr anschaulich komplexe Sachverhalte verdeutlichen können. Hierzu gehören beispielsweise dreidimensionale Landschaftsmodelle, Globen, Tellurien, Modelliersandkästen, Experimente, aber auch originale Gegenstände wie Gesteine, Pflanzen, Gegenstände aus verschiedenen Kulturkreisen oder Gebrauchsgegenstände. Den größten Raum nehmen allerdings sicherlich die audiovisuellen und multimedialen Medien ein. Audiovisuelle Darstellungen wie Filme, Diavorträge oder computergestützte Präsentationen verknüpfen Ton und Bild und liefern dadurch einen sehr umfassenden Eindruck der dargestellten Realität. Noch vielfältiger – und damit dem systemischen Ansatz der Geografie verbundener – sind multimediale Medien. Computergestützte Animationen können beispielsweise die nicht sichtbaren Vorgänge im Erdinneren oder in der Atmosphäre veranschaulichen. Simulationen ermöglichen Blicke in die Vergangenheit und Zukunft, die z.B. bei sehr lang anhaltenden geologischen oder klimatologischen Prozessen ansonsten nicht nachvollziehbar wären, oder lassen durch Veränderung von Parametern die Entstehung unterschiedlicher Vulkantypen oder Gesteinsarten nachvollziehbar werden. Die Kopplung von vielen unterschiedlichen Daten und Informationen im Raum und die Korrelation dieser Datenebenen werden durch den Einsatz von geografischen Informationssystemen realisierbar, sodass die Vernetzung von Raum, Natur, Gesellschaft und Wirtschaft auf Karten punktuell, linear und flächenhaft sichtbar werden kann. So lassen sich z. B. verschiedene Entwicklungsindikatoren zu einem Index bündeln und in einer thematischen Weltkarte darstellen oder die Standortsuche eines Windparks oder einer Kiesabbaufläche rekonstruieren. Virtuelle Exkursionen ermöglichen es trotz großer räumlicher Ferne, eine reale Exkursion via Internet und/oder Software nachzustellen. So ist es in dieser medialen Form beispielsweise möglich, einen Gletscher oder aktiven Vulkan zu „begehen“ oder durch die Wüste zu „reisen“. Im Sinne eines konstruktivistischen Unterrichts ist es auch folgerichtig, selbst virtuelle Exkursionen zu erstellen, indem Bilder, selbst erstellte Videos, GPS-Tracks und Informationen multimedial aufbereitet werden. E-Learning Projekte (oder auch die etwas stärker gesteuerte Form des sog. Blended Learning erlauben den Schülerinnen und Schülern, mit Online-Materialien selbst zu lernen und somit das Arbeitstempo, aber auch die Auswahl von Lernmaterial selbst zu steuern. Erweiterungen hin zum interkulturellen Lernen sind denkbar, wenn Kommunikations- und Kooperationsmöglichkeiten wie Chats, Foren, E-Mails, soziale Netzwerke oder virtuelle Klassenzimmer genutzt werden, um Kontakte zu Schülerinnen und Schülern aus anderen Kulturkreisen und Regionen zu pflegen oder Institutionen in die Problemlösung einzubinden.

Lernen über Medien im Geografieunterricht

Die vielfältigen und oft auch faszinierenden Möglichkeiten digitaler Medien verleiten mitunter aber auch zu einer unkritischen und wenig reflektierten Verwendung von Medien. Die steuernde und erklärende Funktion der Lehrkräfte ist also nach wie vor unentbehrlich, weil Medien auch manipulieren können.
So kann z. B. im Bereich der Kartografie dargestellt werden, wie Karten durch Hervorhebung, Auslassung, Farbgebung, suggestive Wahl von Kartensymbolen oder steuernde Projektion zu unterschiedlichen Zwecken   eingesetzt werden. Auch die kritische Analyse von Grafiken und Schaubildern kann (beispielsweise durch die Betrachtung von Verzerrungen der x- und y-Achsen) den manipulativen Charakter einiger Medien im Geografieunterricht darstellen.
 
Multimediale und audiovisuelle Medien eignen sich ebenfalls sehr gut, um das Lernen über Medien zu vertiefen. Beispielsweise kann die steuernde und subjektiv gefärbte Darstellung von Inhalten anhand verschiedenen Kurzfilme zum Fischfang gezeigt werden: Der Film der Fischindustrie wird andere Schwerpunkte setzen als die Dokumentation von Greenpeace. An solchen Beispielen können auch im Geografieunterricht die manipulativen Möglichkeiten von Kameraführung, Bildauswahl, Musikeinsatz, Bild-Ton-Schere, Schnitt usw. gezeigt werden. Analog dazu können Gestaltung, Inhalte und Darstellungen von geografischen Internetseiten analysiert und bewertet werden. Zu dieser Bewertung gehört auch, die Seriosität und fachliche Tiefe von Internetquellen zu vergleichen und zu beurteilen, aber auch die Nutzungsbedingungen von digitalen Quellen zu thematisieren (Urheberrecht).

Der Medieneinsatz bereichert den Unterricht, sollte allerdings nicht dazu führen, dass geografische Fachkompetenzen in den Schatten der eingesetzten Medien oder Geländearbeit und reale Exkursionen in den Hintergrund treten. Vielmehr kann ein didaktisch sinnvoller Einsatz der Medien die zentralen Forderungen nach Selbständigkeit der Lernenden, Problemlösungskompetenz, Aktivität, Interaktion und Reflexion über Medien und Lernprozesse unterstützen und zu höheren Einsichten und Erkenntnissen führen.  

Zum Autor:

Günther Scheefer arbeitet am GeoPortal des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg mit und unterrichtet Geographie und Deutsch am Otto-Hahn-Gymnasium Karlsruhe. Als Fachberater für Geographie am Regierungspräsidium Karlsruhe ist er zudem in der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften tätig.

Quellen

[1] Weidenmann, Bernd: Multicodierung und Multimodalität im Lernprozess, S. 61. In: Issing, Ludwig J./Klimsa, Paul: Informationen und Lernen mit Multimedia. Weinheim 1995, S. 65–84. [zurück]

Literatur

Bartoscheck, Thomas: WebGIS für die Schule – ein Überblick. In: Praxis Geographie. Heft 2/2009, S. 12–13.

 

Brucker, Ambros: Klassische Medien kreativ nutzen. In: Haubrich, Hartwig (Hrsg.): Geographie unterrichten lernen. München 2006, S. 173–206.

 

Falk, Gregor/Schleicher, Yvonne: Didaktik und Methodik des schulischen GIS-Einsatzes. In: geographie heute, Heft 233/2005, S. 2–7.

 

Obermann, Helmut: Informieren und überzeugen mit Präsentationen. In: Praxis Geographie. Heft 6/2002, S. 4–8.

 

Schleicher, Yvonne: Digitale Medien und E-Learning motivierend einsetzen. In: Haubrich, Hartwig (Hrsg.): Geographie unterrichten lernen. München 2006, S. 207–221.

 

Siegmund, Alexander: Neue und traditionelle Medien im Geographieunterricht. Medienverbund als Chance für handlungsorientiertes Lernen. In: Praxis Geographie. Heft 6/2002, S. 4–8.

 

Schuler, Stephan: Global lernen – E-Mail-Projekte im Geographieunterricht. In: Praxis Geographie. Heft 11/2001. S. 23–28.

Links

WEBGEO

Das WEBGEO-Portal bietet Lernmodule zu Themen der Geographie und benachbarter Fachbereiche, einige auch in englischer Sprache. 

 

Google Earth

Dieses Angebot stellt einen virtuellen Globus dar; es überlagert Satelliten- und Luftbilder mit Geodaten und bildet sie auf einem digitalen 3D-Modell der Erde ab.

 

GeoPortal des Landesmedienzentrums Baden-Württemberg

Das GeoPortal bietet digitale Geodaten, Unterrichtsmodule zu Geographischen Informationssystemen (GIS), Unterrichtsmaterialien, die von Medienangeboten des Landesmedienzentrums Gebrauch machen und GPS-Angeboten für den Unterricht. 

Geografie, Lehrkräfte, Medienbildung

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