MediaCulture-Online Blog

13.10.2013 | Dr. Inez De Florio-Hansen

Medienbildung im Fremdsprachenunterricht

Bild: Colleen; Lizenz: CC BY-NC-SA

Medienbildung bedeutet: Lehren und Lernen mit Hilfe von (digitalen) Medien sowie insbesondere deren kritische und kreative Nutzung. Dies ist eine umfassende allgemeinerzieherische Aufgabe von Schule und Unterricht. Wichtige Gründe dafür sind die rasche Entwicklung von Informations- und Kommunikationstechnologien der verschiedensten Art, ihre große Bedeutung im Rahmen von Internationalisierung und Globalisierung und nicht zuletzt die herausragende Rolle, die sie im Alltagsleben von Kindern und Jugendlichen spielen.

Mediendidaktik: Warum helfen digitale Medien beim Fremdsprachenlernen?

Seit den 1990er Jahren kommen im Fremdsprachenunterricht neben traditionellen technischen Medien, wie z. B. Overheadprojektoren und Ton-Bild-Abspielgeräten, zunehmend digitale Medien zum Einsatz. War es anfänglich vor allem Lernsoftware

(z. B. Vokabel- und Grammatiktrainer), können fremdsprachliche Lernprozesse inzwischen durch eine fast unüberschaubare Fülle digitaler Lernangebote und Interaktionsmöglichkeiten unterstützt werden. U. a. sind das:

  • Online-Sprachkurse, Tandem-Lernen sowie vielfältige Übungsmöglichkeiten für ausgewählte fremdsprachliche Bereiche,
  • Zugriff auf authentische Texte im weitesten Sinne des Wortes, also auch Bedeutung, die durch andere Trägermedien als Schrifttexte transportiert wird,
  • Zugang zu den Gegebenheiten der Zielkultur durch Internetrecherchen,
  • Kontakte zu Sprechenden und Lernenden der Zielsprachen durch E-Mail-Projekte, Blogs, Foren und soziale Netzwerke,
  • Teilhabe an weltweiten gesellschaftspolitischen Aktionen,
  • Gelegenheiten zur Selbstdarstellung im Rahmen handlungs- und produktionsorientierter Verfahren,
  • Verbesserung der Lernarrangements durch White- bzw. Smart-Boards.

 

Für das Fremdsprachenlernen mit Hilfe digitaler Medien gibt es wichtige Gründe. Selbstverständlich ist ihre Nutzung in Kombination und Wechselwirkung mit herkömmlichen Medien zu sehen. Die Auswahl der Medien wird bestimmt von den Aufgabenformaten, vom Kompetenzziel und dem allgemeinen und sprachlichen Kenntnisstand der Lernenden, von ihren Bedürfnissen und Interessen sowie ihrem individuellen Lernstil. Gleichwohl lassen sich viele Ziele und Anliegen des Fremdsprachenunterrichts durch die Informations- und Kommunikationstechnologien besser erreichen als durch den ausschließlichen Einsatz von Print- und anderen traditionellen Medien:

  • Obgleich der Reiz des Neuen weitgehend verflogen ist, zeigen Untersuchungen, dass Fremdsprachenlernen mit digitalen Medien nach wie vor motivationssteigernd wirkt. Das liegt zum einen an den Möglichkeiten eines direkten individuellen Feedbacks bei Online-Übungsmöglichkeiten und -Kontakten, zum anderen an der (ästhetischen) Ausgestaltung von Medienauftritten.
  • Die Möglichkeiten des Zugriffs auf die verschiedensten Formen originaler fremdsprachlicher Texte tragen dazu bei, die Zielsprache authentisch zu erleben.
  • Durch digitale Medien ist ein Lernen mit allen Sinnen sehr viel leichter möglich als durch Lehrwerkarbeit und den Einsatz herkömmlicher Technologien.
  • Individualisiertes Lernen und kooperatives Arbeiten wird durch die Fülle der Medienangebote gefördert.
  • Interkulturelle Kommunikationsfähigkeit – das Globalziel des Lehrens und Lernen von Fremdsprachen – ist durch die Kontakt-, Teilhabe- und Selbstdarstellungs-Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnologien besser zu erreichen.

Medienerziehung: Warum sind digitale Medien im Fremdsprachenunterricht auch Lerninhalt?

Aufgrund der herausragenden Bedeutung von Abbildungen für das Lehren und Lernen fremder Sprachen ist die Forderung nach kritischer Betrachtung der „Bilderflut“ schon früh erhoben worden [1]. Oft muss Kindern und Jugendlichen zum Beispiel erst bewusst gemacht werden, dass Medien immer nur einen lückenhaften, selektiven Ausschnitt der Realität bieten.

 

Das gilt für die Informations- und Kommunikationstechnologien in besonderem Maße. An geeigneten Beispielen, z. B. aus der Werbung oder den Internetauftritten von Politikern und anderen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, können zumindest ansatzweise die immensen Manipulationsmöglichkeiten durch digitale Medien aufgezeigt werden. Hinzu kommen die hinlänglich bekannten Gefahren wie z. B. Abhängigkeit bzw. Suchtverhalten [2] und die meist ungewollte Preisgabe persönlicher Daten [3].

 

Medienerziehung im Fremdsprachenunterricht darf sich aber nicht auf den kritischen Umgang mit der „schönen, neuen Medienwelt“ beschränken. Es genügt sicher nicht, Schülerinnen und Schüler mit Internetrecherchen vertraut zu machen. Aufgrund der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologien geht es vor allem auch darum, mit den Lernenden kreative Einsatzmöglichkeiten ausgewählter Medienanwendungen zu thematisieren und (weiter) zu entwickeln.

 

Im Wesentlichen sprechen folgende Gründe für das Lernen über digitale Medien im Fremdsprachenunterricht:

  • Jeder Unterricht hat die Aufgabe, den schulischen Bildungsauftrag seinen eigenen Zielen entsprechend umzusetzen. Daher muss auch der Fremdsprachenunterricht zur Ausbildung von Methoden- und Medienkompetenz der Schülerinnen und Schüler beitragen.
  • Da die Nutzung digitaler Medien für das Fremdsprachenlernen und -lehren unverzichtbar geworden ist, geht es nicht nur um die Frage, was und wie mit den Informations- und Kommunikationstechnologien sinnvoll gelernt werden kann. Vielmehr müssen digitale Anwendungen auch hinsichtlich individueller Lerneffekte evaluiert und mit herkömmlichen Angeboten verglichen werden.

Medienbildung: Warum ist es so wichtig, das Lernen mit und über Medien in den Fremdsprachenunterricht einzubinden?

Eine besondere Herausforderung für den Fremdsprachenunterricht – das gilt übrigens für alle Fächer – stellt die Integration von Mediendidaktik und Medienerziehung dar.

 

Ohne Zweifel wird es sich aufgrund der angestrebten (fremdsprachlichen) Kompetenzen, der Inhalte und Lernarrangements häufig ergeben, dass das Lernen mit Hilfe digitaler Medien im Vordergrund steht. Das Lernen über den kritischen und kreativen Umgang mit den Informations- und Kommunikationstechnologien kann jedoch auch zum Hauptziel einer Unterrichtssequenz gemacht werden: Beispielsweise können sich die Schülerinnen und Schüler mit zielsprachigen Peers im Rahmen eines E-Mail-Projekts darüber austauschen, welche unerfreulichen Erfahrungen sie mit aufdringlichen „Freunden“ gemacht und wie sie sich bei Stalking oder Mobbing verhalten haben. Sie können in Erweiterung der konkreten Fälle auch überlegen, welche Maßnahmen belästigte Kinder und Jugendliche ergreifen können.

 

Eine sinnvolle Verbindung beider Bereiche der Methoden- und Medienkompetenz lässt sich vor allem dann erreichen, wenn die Nutzung digitaler Medien für das Fremdsprachenlernen mit der konstruktiv-kritischen Betrachtung einerseits und der eigenen kreativen Gestaltung von Medienangeboten andererseits verbunden ist. Die angestrebte Integration von Mediendidaktik und Medienerziehung kann beispielsweise verwirklicht werden bei einem Thema wie

  • Games / Jeux: Sportliche Ereignisse auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene bieten zahlreiche Anlässe, sich zu informieren und eigene Informationen und Ansichten weiterzugeben. Die offiziellen Websites von Sportvereinen und internationalen Organisationen sowie die Berichterstattung in den verschiedenen Medien der Zielsprachenländer und in Deutschland eignen sich für interkulturelle Vergleiche. Dabei stellen die Lernenden Überlegungen zu Ähnlichkeiten und Unterschieden bei der medialen Darstellung an. Zusätzlich können die Internetauftritte von Fanclubs sowie der Sportler selbst betrachtet und beispielsweise auf Werbeeinblendungen hin untersucht werden. Generell finden die Lernenden durch Analyse der medialen Angebote heraus, ob sich bereits existierende Blogs und Foren für die von ihnen selbst erstellten Informationen eignen, oder ob sie besser einen eigenen Blog oder ein Video für YouTube kreieren bzw. einen anderen Internetauftritt gestalten.

Was können Lehrkräfte tun?

Eine Bemerkung zum Schluss: Sicher ist es richtig, dass eine größere Zahl von Fremdsprachenlehrkräften nicht mit digitalen Medien aufgewachsen ist. Kinder und Jugendliche sind meist versierter, sofern es um die technischen Gegebenheiten geht. Was Lehrkräfte den sog. digital natives jedoch voraushaben bzw. voraushaben sollten, ist der Überblick über Einsatz und Nutzen herkömmlicher und digitaler Medien [4]. Trotz der großen Bedeutung der Informations- und Kommunikationstechnologien kann und darf fremdsprachliche Bildung nicht einseitig auf digitale Medienkompetenz setzen. Vielmehr geht es um eine Zusammenschau sämtlicher verfügbarer medialer Ressourcen. Und da sind Lehrkräfte ohne Zweifel Experten.

Zur Autorin:

Prof. Dr. Inez De Florio-Hansen war als Professorin für Sprach- und Literaturwissenschaften an der Universität Kassel tätig.

Bild: Jennifer Räpple

Hier finden Sie alle Informationen zum Bildungsplan 2016 und zur Umsetzung der Leitperspektive Medienbildung im Fach Englisch in der Grundschule, der Sekundarstufe I und im Gymnasium.

Quellen

[1] De Florio-Hansen, Inez: Cahin-caha – les medias en classe de langues. Plädoyer für eine reflektierte Nutzung alter und neuer Medien. In: De Florio-Hansen, Inez (Hrsg.): Der fremdsprachliche Unterricht. Französisch. FUF Themenheft Les medias – mise en pratique. Nr. 47 / 2000, S. 6. [zurück]

 

[2] De Florio-Hansen, Inez: A never-ending story: video games. In: Praxis Fremdsprachenunterricht. Heft 4 / 2012, S. 9-13. [zurück]

 

[3] De Florio-Hansen, Inez: Faces of Facebook / Faces de Facebook. Zum Umgang mit sozialen Netzwerken: kritisch, konstruktiv, kreativ. In: Praxis Fremdsprachenunterricht. À la carte II. Heft 5 / 2011, S. 5-8. [zurück]

 

[4] De Florio-Hansen, Inez: Zur Rolle der Lehrkraft in einem medienpädagogisch ausgerichteten Fremdsprachenunterricht. In: Reinfried, Marcus / Volkmann, Laurenz (Hrsg.): Medien im neokommunikativen Fremdsprachenunterricht. Einsatzformen, Inhalte, Lernerkompetenzen. Frankfurt / Main 2012, S. 41-62. [zurück]

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Deutsch-französischer Literaturunterricht

Diese Seiten verschaffen einen Überblick über die elsässische Geschichte und die Literaturgeschichte diesseits und jenseits des Rheins. Sie stellen zahlreiche Unterrichtsvorschläge für den grenzüberschreitenden und bilingualen Unterricht zur Verfügung, stellen die verwendeten Texte aus deutscher oder französischer Feder online zur Verfügung und sehen den Einsatz ganz verschiedener Medien vor.

Englisch, Französisch, Lehrkräfte, Medienbildung

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