Gerhard Tulodziecki: Aufgabenfelder der schulischen Medienpädagogik

Als einer der ersten hat Gerhard Tulodziecki konkrete Aufgabenfelder der schulischen Medienpädagogik benannt und einen Koordinierungsrahmen für medienpädagogische Unterrichtseinheiten vorgestellt. Gerhard Tulodziecki ist emeritierter Professor für Allgemeine Didaktik und Medienpädagogik an der Universität Paderborn mit den Arbeitsschwerpunkten Unterrichtswissenschaft und Medienpädagogik.

Gerhard Tulodziecki geht von fünf Aufgabenfeldern der Medienpädagogik aus:

Auswählen und Nutzen von Medienangeboten

Folgende Ziele sind dabei wichtig:

  • Die Kinder und Jugendlichen sollen die Fähigkeit erwerben, eine sinnvolle Auswahl aus dem Programmangebot für unterschiedliche Funktionen vorzunehmen, z.B. für Unterhaltung und Information, für Lernen und Spiel, für Problemlösung und Entscheidungsfindung, für Kunstrezeption und Kommunikation.
  • Sie sollen Alternativen zum Medienkonsum erfahren und nutzen.
  • Sie sollen in die Lage versetzt werden, in konflikthaften Situationen begründete Entscheidungen zum Medienverhalten zu treffen.
  • Sie sollen die Fähigkeit und Bereitschaft erwerben, verschiedene Medienangebote sowie medienbezogene und alternative Aktivitäten nach verschiedenen Kriterien vergleichend zu bewerten.

Eigenes Gestalten und Verbreiten von Medienbeiträgen

Im vorhergehend beschriebenen Aufgabenbereich werden die Kinder und Jugendlichen als Nutzer vorhandener Medienangebote und dabei vorwiegend als Empfänger bzw. Rezipienten medialer Botschaften gesehen. Allerdings treten sie bereits bei der Nutzung von Kommunikationsdiensten, z.B. bei der Nutzung von E-Mail, aus der bloßen Rezipientenrolle heraus und versenden eigene Botschaften. Im Aufgabenbereich des „Eigenen Gestaltens und Verbreitens von Medienbeiträgen“ steht die Produzentenrolle ganz im Vordergrund. Mithilfe entsprechender technischer Geräte, z.B. Mikrofon und Tonkassettenrecorder, Kamera und Videorecorder, Textverarbeitungs- und anderen Computerprogrammen gestalten sie eigene mediale Produkte. Aus medienpädagogischer Sicht sind mit der Mediengestaltung in der Regel folgende Zielvorstellungen verknüpft (vgl. auch Schell 1993):

 

  • Die Kinder und Jugendlichen sollen Medienbeiträge zur Dokumentation und Präsentation von Sachverhalten, zur Artikulation eigener Interessen und Bedürfnisse, zur künstlerischen Darstellung eigener Aussagen sowie als mediale Hilfsmittel für die Problemlösung oder Entscheidungsfindung selbst gestalten.
  • Sie sollen Verbreitungsmöglichkeiten für ihre medialen Produkte bedenken und gegebenenfalls Öffentlichkeit für Themen herstellen, die ihnen wichtig sind.
  • Die eigene Gestaltung von Medienbeiträgen soll dazu führen, dass die technischen Möglichkeiten und die Produktionsprozesse von Medien handelnd erfahren und durchschaubar werden. Damit verbindet sich die Hoffnung, dass Kinder und Jugendliche vor Manipulation geschützt werden und Medienangebote kritisch einordnen sowie bewerten können.
  • Durch die eigene Produktion von Medienbeiträgen und ihre Reflexion soll eine ästhetische Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen erreicht werden. Diese soll sich sowohl in einem angemessenen Anspruchsniveau gegenüber eigenen Produkten als auch in einem erhöhten Anspruchsniveau gegenüber Fremdproduktionen äußern.
  • Mediengestaltung findet in der Regel als Teamarbeit statt. Die Schülerinnen und Schüler können und sollen dabei Gruppenprozesse erfahren und sozial erwünschte Verhaltensdispositionen, z.B. Kooperationsfähigkeit, erwerben bzw. verstärken.

Verstehen und Bewerten von Mediengestaltungen

Kinder und Jugendliche werden ständig mit Informationen, Werbung und fiktiven Geschichten in verschiedenen Medien konfrontiert, z.B. in Zeitschriften, in Hörbeiträgen, im Fernsehen und in Computerspielen. Die damit verbundenen Botschaften werden in unterschiedlichen Zeichensystemen bzw. verschiedenen Gestaltungsmerkmalen präsentiert. Aus medienpädagogischer Sicht ist es eine wichtige Aufgabe, den Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, die vielfältigen Medienangebote angemessen zu verstehen und bewerten zu können. Dies ist zunächst im Zusammenhang einer reflektierten Auswahl und Nutzung von Medien bedeutsam. Darüber hinaus ist das Verstehen und Bewerten von medialen Ausdrucksweisen ein wesentlicher Bestandteil einer angemessenen Verwendung der „Mediensprache“ bei der eigenen Gestaltung von Medien.

Erkennen und Aufarbeiten von Medieneinflüssen

Zeichentrickfilme, Action- und Comedy-Filme sowie -Serien gehören zu den beliebtesten Fernsehangeboten der 3- bis 13-jährigen Kinder. Bei den 14- bis 19-Jährigen dominieren Action- und Comedy-Filme. Es liegt auf der Hand, dass die sich damit abzeichnende Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen Wirkungen im Bereich der Gefühle, Vorstellungen und Verhaltensorientierungen haben kann. Das lässt es geraten erscheinen, Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, medienbeeinflusste Emotionen, Vorstellungen und Verhaltensorientierungen aufzuarbeiten. Dabei sollen folgende Zielvorstellungen angestrebt werden:

  • Die Kinder und Jugendlichen sollen die Fähigkeit erlangen, medienbedingte Gefühle auszudrücken und mit ihnen umzugehen.
  • Sie sollen in die Lage versetzt werden, medienvermittelte Vorstellungen anhand der Wirklichkeit zu überprüfen und den Unterschied zwischen Fiktion und Realität zu erkennen.
  • Sie sollen befähigt werden, Verhaltensorientierungen, die durch Medien nahegelegt werden, zu durchschauen und im Hinblick auf ihre Rechtfertigungen zu diskutieren.
  • Sie sollen Gestaltungsmerkmale von Medien bewusst wahrnehmen, insbesondere solche, durch die unter Umständen bestimmte Gefühle erzeugt, irreführende Vorstellungen vermittelt und problematische Verhaltensweisen nahegelegt werden.

Durchschauen und Beurteilen von Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung

Geht man von einem (einfachen) Kommunikationsmodell aus, so sind für die Kommunikation generell und damit auch für technisch unterstützte Kommunikationsvorgänge mindestens drei Komponenten bedeutsam: das mediale Produkt, der Empfänger oder Rezipient und der Sender oder Kommunikator. In den beiden vorhergehenden beschriebenen Aufgabenbereichen wurde der Blick vor allem auf das mediale Produkt und den Rezipienten gerichtet, im jetzt zu behandelnden Aufgabenbereich steht der Sender bzw. Kommunikator im Mittelpunkt der Betrachtung. Dabei geht es vor allem um die gesellschaftlich zu deutenden Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung. Bedingungen solcher Art wirken in vielfältiger Weise auf die Mediengestaltung und Mediennutzung ein. Beispielsweise hängt die Entscheidung, welche Nachrichten in einem bestimmten Medium in welcher Weise präsentiert werden, mit verschiedenen Bedingungen zusammen, z. B.

 

  • mit personalen Bedingungen, etwa mit der Qualifikation und Motivation der jeweiligen Journalisten und Redakteure,
  • mit technischen Bedingungen des präsentierenden Mediums, ob die Nachrichten beispielsweise nur auditiv, nur gedruckt, mit oder ohne Bild- oder Filmmaterial verbreitet werden sollen,
  • mit ökonomischen Bedingungen, etwa ob das Medienangebot durch Verkauf, durch Gebühren oder durch Werbung finanziert werden muss,
  • mit organisatonsbezogenen bzw. institutionellen Bedingungen, wer beispielsweise über die Auswahl und Gestaltung der Nachrichten innerhalb der jeweiligen Medieninstitution entscheidet,
  • mit rechtlichen Bedingungen, ob möglicherweise bei der Gestaltung der Nachrichten gesetzliche Bestimmungen zum Jugendschutz zu beachten sind bzw. wie weit die Meinungs- und Informationsfreiheit geht.

Ein sachgerechtes, selbstbestimmtes, kreatives und sozialverantwortliches Handeln im Medienzusammenhang setzt Kenntnisse und Verstehen, Analyse und Urteilsfähigkeit zu solchen Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung voraus. Dabei ist es denkbar, vielfältige Fragestellungen zu bearbeiten. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen sollen die Kinder und Jugendlichen im Hinblick auf Bedingungen der Medienproduktion und Medienverbreitung

  • rechtliche Gesichtspunkte kennen, beachten und in ihrer Bedeutung einschätzen,
  • ökonomische Aspekte wahrnehmen, durchschauen und bewerten,
  • organisationsbezogene bzw. institutionelle Merkmale analysierend erfassen und kritisch bedenken
  • die eigene Situation im Mediensystem reflektieren, Möglichkeiten zur Einflußnahme erkennen und wahrnehmen sowie bei der Entwicklung von Medienkultur mitwirken.

Literatur

Tulodziecki, Gerhard: Medienbildung – welche Kompetenzen Schülerinnen und Schüler im Medienbereich erwerben und welche Standards sie erreichen sollen. Paderborn 2007.

Tulodziecki, Gerhard: Schule und Medien. München 2005.

Tulodziecki, Gerhard: Medienpädagogik in der Krise? München 2005.

Tulodziecki, Gerhard: Medienpädagogik. Konstanz 1998.

Blömeke, Sigrid / Tulodziecki, Gerhard: Neue Medien – neue Aufgaben für die Lehrerausbildung. (Auszüge) Gütersloh 1997.

Tulodziecki, Gerhard: Koordinierungsrahmen Medienpädagogik. Bad Heilbrunn 1997.

Tulodziecki, Gerhard: Medien und Schule. Konkurrenz oder Ergänzung? Stuttgart 1997.

Mütze, Christa / Tulodziecki, Gerhard: Lehrerausbildung im Bereich neuer elektronischer Medien. Gütersloh 1996.

Tulodziecki, Gerhard: Lehr- und lerntheoretische Konzepte und Software-Entwicklung. Gütersloh 1996.

Texte